Alltag in Ägypten
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Die Rolle der Eltern


Es gibt viele Gelegenheiten Ägypter als liebevolle und fürsorgliche Eltern zu erleben, ob dies bei privaten Feiern, im Supermarkt oder öffentlichen Veranstaltungen ist. Ägyptische Kinder werden von ihren Müttern und Vätern in einem weitaus höheren Masse umsorgt und betreut, als dies in Europa üblich ist. Überall sieht man auch Väter mit ihren Kindern an der Hand, im Arm oder im Einkaufswagen. Die Vorstellung einer „Erziehung zur Selbstständigkeit“ stoesst auf Befremden und Irritation.

Europäer sind dagegen überrascht, wenn sie acht- oder neujaehrige Jungen sehen, die ohne zu protestieren von ihrer Mutter bei einem Picknick gefüttert werden, wenn von ägyptischen Eltern in Frage gestellt wird, ob Schüler einer 4. Klasse den Klassenraum regelmaessig aufräumen können, wenn die Mutter eines Fuenftklaesslers sich bei einer Klassenfahrt in einem nahe gelegenen Hotel einbucht, weil sie sich Sorgen macht, ob es ihrem Jungen in den fünf Tagen gut gehen wird oder die Mutter eines sechzehnjährigen ihn noch täglich zum Schulbus an der Ecke bringt und mit ihm dort wartet, bevor sie sich selbst auf dem Weg zur Arbeit macht. Die unterschiedliche Vorstellung was Kindern sind, kann zu Missverständnissen führen: Da lädt einen eine Ägypterin herzlich ein und sagt enthusiastisch: „Dann kann auch mein Baby mit Deinem Baby spielen.“ Die Antwort, dass dies wohl ein Missverständnis ist und man selbst kein Baby hätte, führt zu nachhaltigen Verwirrung. Doch, doch, wird verblüfft beteuert, wir wären doch zusammen beim Sommerfest gewesen. Man selbst rätselt, wessen Baby man da wohl auf dem Arm gehabt hat, bis sich nach einigen hin und her herausstellt, dass es sich bei den gemeinten Babys um unsere Kinder handelt, die langsam das Gymnasiumsalter erreichen. Es ist durchaus üblich, Kinder als Babys zu bezeichnen, auch in vielen Malls ist Kinderkleidung als Babykleidung ausgeschildert.

Da Kinder in aller Regel bis zu ihrer Hochzeit bei ihren Eltern wohnen, bleibt dieses Verhältnis von liebevoller Entmuedigung und hoher Abhängigkeit bis zur Ehe (und darüber hinaus) bestehen. Dies zeigt sich an Kleinigkeiten, wie z.B. das bei einer Feier im Arbeitskontext das mitgebrachte Essen, von keiner der anwesenden zehn noch zuhause wohnenden jungen Frauen zubereitet wurde, sondern in jedem einzelnen Fall von deren Mutter.

4.12.07 13:42


Erste Eindruecke

Wie auch die Wohnungen haben die Häuser riesige „reception areas“ möglichst repräsentativ, viel Marmor, geschwungenes Schmiedeeisen, pseudogriechische Schmuckssäulen usw. Man zeigt gerne, was man hat. Die Schlafzimmer sind eher klein, vor allem Zimmer zum Schlafen und Umziehen, selten mehr als drei. Die großen Flächen sind sicherlich sehr praktisch, wenn sich Familie oder Freunde treffen. Außer bei den ganz Armen und den ganz Reichen sind zwei Kinder die Regel. Die werden dann gemeinsam in ein Schlafzimmer gepackt. Besuch, der über Nacht bleibt, scheint wohl eher selten. Es wohnen eh alle in Kairo und können abends nach Hause fahren.

 

In den Kinderzimmern stehen ab und zu Schreibtische, die Hausaufgaben werden aber häufig am Esstisch gemacht. Rückzugsraum ist kaum vorgesehen. Man bleibt zusammen häufig bis zum späten Abend. Die Lehrer der deutschen Schule beschweren sich über übernächtigte, unkonzentrierte und lethargische Schüler.

 

Die reception areas werden mit vielen Teppichen, Sofas, Sesseln und Beistelltischen ausgefüllt. Im besten Fall ist das Ergebnis vergleichbar mit einer elegant ausgestalteten Hotelhalle. „ Gemütlichkeit“ (eh ein sehr deutsches Wort, für das es in vielen Sprachen kein Äquivalent gibt) ist offensichtlich nicht das angestrebte Ziel.

 

Es gibt auch schöne alte Villen, erbaut von Expats im letzten Jahrhundert. Allerdings sind diese eher in den „traditionellen“ Stadteilen mit Namen wie Maadi, Dokki oder auf der Nilinsel Zamalek zu finden. In der Wüste entstanden in den letzten Jahren zehntausende von neuen Häusern, oft  mehrstöckig aber auch vereinzelte Einfamilienhäuser. Allerdings sind die meisten noch unbewohnt und in unterschiedlichem Stadium der Fertigstellung

 

Wir wohnen also am Rande der Wüste, in einer Straße ohne Namen, in der vielleicht noch drei andere Häuser bewohnt sind. Der Rest ist Baustelle, wobei an den meisten Rohbauten nur sporadisch gebaut wird. Ganz anders als in Deutschland, wo zumindest die Eigentümer versuchen, ein Bauprojekt möglichst schnell voran zu treiben, wird hier immer wieder in Phasen gebaut. Dies ist zum einen vermutlich finanziellen Limits geschuldet, aber auch der Zeit und Energie, die man für das „vorantreiben“ braucht. Ein Kollege sagte mir allerdings auch, dass viele seiner Freunde hier in Katameya bauen. Aber, meinte er, Ägypter wohnen ungern alleine. Alles wartet, dass die Freunde umziehen, und da alle darauf warten, dass die anderen umziehen werden, werden wir vermutlich noch Jahre alleine hier leben.

 

Wobei alleine sind wir hier eigentlich nicht wirklich. Die Arbeiter leben in der Regel auf den Baustellen, manchmal mit Frau und Kindern. Mit der Zeit lernt man zwischen den aufgetürmten Ziegelsteinen zu unterscheiden und merkt, dass in der Straße hinter uns, in einem gemauerten Kubus mit Öffnung ein kleiner Laden ist. Dass etwas weiter die Straße hinunter in einem Brettverschlag sich wohl eine Art Dusche befindet. Und dass in dem großen Rohbau an der Ecke (bisher nur Stützpfeiler und Decken) in der Mitte eine Hütte ist, zwei alte Männer wohnen, die morgens davor Tee trinken. Das große Bett mit vielen Decken kann man durch die Tür sehen, wie auch den Fernseher, der immer läuft. Im Januar und Februar war es hier nachts ziemlich kalt. In jeder Straße sah man ein Lagerfeuer, an dem sich einige Männer und Kinder wärmten.

 

Das Haus, das wir schließlich gemietet haben, gehört einem Manager, der das regionale Büro eines amerikanischen Unternehmens für Erdölbohrer leitet. Ein sehr energetischer, etwas amerikanisch wirkender Ägypter. Er hat das Haus für sich und seine Familie bauen lassen. Es wurde sehr nach seinen individuellen Wünschen gestaltet. Der Hausbesitzer ist schließlich nicht umgezogen, obwohl sein Büro nur eine Straße weiter liegt. Vermutlich wartet auch er darauf, dass seine Freunde und Bekannten umziehen.

 

Der Start im neuen Haus war nicht einfach. Zum einen mussten einige Sachen nachgearbeitet werden. Es war für uns schwer nachvollziehbar, wie man sich ein Haus hinstellen lassen kann, dass prachtvoll wirken soll und das auf der anderen Seite so viele handwerkliche Mängel hat. Das ganze wird verständlicher, wenn man weiß, dass das Bauhandwerk hier keine Tradition hat, handwerkliche Ausbildung, wie wir sie in Deutschland kennen, nur in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit stattfindet und die meisten Handwerker irgendwann irgendwo angelernt worden sind. Aber zu Beginn konnten wir es nicht fassen, wieso die aufwendig geschnitzte und von zwei mächtigen Säulen umrahmte Haustür keine ordentliche Klinke hatte, es durch den Glasdom reinregnete, Türen so aufgehängt waren, dass man sie nicht schließen konnte usw. usw.

 

Das Haus benötigte ungefähr 30 Lampen, einige Teppiche, viele Gardinen, wir hatten kein Sofa mitgebracht und unsere Möbel wirkten verloren in den hohen Räumen. Mit Marks SAS-Taktik (in and out without being seen) bräuchten wir in Deutschland drei Tage um ALLES zu besorgen. Aber ohne Baumark, Kaufhaus, Möbelhaus ... wir wussten gar nicht, wo wir beginnen sollten. Möbel lässt man sich hier bauen, für viele Dinge, z.B. Lampen oder Stoffe, gibt es ganze Straßenzüge wo sich ein kleiner Laden an den nächsten reiht.

 

Wenn man einen dieser „Lampenläden“ betritt, werden als erstes alle Lampen eingeschaltet. Dies führt innerhalb von Minuten zum Gefühl in einem Solarium zu stehen. Die Auswahl ist begrenzt, zwischen Lampen aus Südostasien (modern, viel Plastik, oft billig aussehender Standard) und einheimischer Produktion (Messing und Schwünge, aufwendige Kronleuchter). Gemeinsam ist, alle Lampen vertragen nur Glühbirnen bis max 60 Watt. Bei den hohen Räumen hier erscheint das Licht daher immer sehr gedämpft.

 

Mehr als zwei, drei passende Lampen sind in einem Laden nicht zu finden. Wenn man dann gewählt hat, wird jemand losgeschickt, um die Lampen aus irgendeinem Lager zu holen. Nachdem diese nach vielleicht 15 Minuten da sind, erfolgt die Qualitätskontrolle. Jedes Paket wird geöffnet und auf Vollständigkeit und Unversehrtheit überprüft. Dann wird alles wieder verpackt. Der Ladenbesitzer hat zum Glück inzwischen die Lichter ausgeschaltet. Die Luft kann man dennoch schneiden.

 

Dann war es schwer, eine drei Meter hohe Stehleiter zu finden. Wir fragten an verschiedenen Stellen und Mark entdeckte zufällig eine lange Leiter in einem kleinen Laden hier in der Gegend. Als er sie zu Hause aufstellen wollte, bemerkte er, dass die Querverstrebungen fehlten. Wir wissen immer noch nicht, ob dies hier so üblich ist oder ob genau bei der ein Teil der Fertigung vergessen wurde

 

Die nächste Herausforderung waren die Vorhänge, für uns ganz neues Terrain nach den bescheidenen Behängen, die wir direkt an unsere Fenster in der Mühlstrasse gehängt haben. Hier würden wir mächtig viel Stoffbahnen brauchen. Am günstigsten wäre selbst ausmessen, zuschneiden und vernähen lassen und dann die Aufhängung selbst anbringen. Mark war schon an der Aufhängung der Lampen verzweifelt, weil er ständig auf eine der in Beton gelegten Metallverstrebungen geriet.

 

Eher zufällig landeten wir in einem professionellen Gardinengeschäft in Heliopolis. Ich konnte mich dunkel erinnern, dass ich als Teenager mal mit meiner Mutter in einem solchen Laden war. Dieser hier war überwältigend, sechs große hohe Räume voller kostbar aussehender Stoffbahnen. Wir sagten, was wir brauchen würde. Kein Problem, sagte man uns, Morgen kommt als erstes jemand zum Vermessen. Dann müssten wir wieder kommen und die Stoffe aussuchen. Warum könnten wir die Stoffe nicht gleich aussuchen, fragten wir? Die Antwort war, dass nicht alle Stoffe die richtigen Maße haben würden. Na gut, dachten wir uns, wir werden diese Reihenfolge kaum ändern können und wenn es nicht klappt, dann müssen wir uns etwas anderes überlegen.

 

Zu unserer großen Überraschung standen pünktlich zum verabredeten Termin zwei Herren vor der Tür. Alle Fenster wurden schnell und sehr systematisch vermessen. Die Notizen erschienen mir allerdings arg einfach in ein Heft gekritzelt. Es dauerte dann bis zum nächsten Wochenende, bis wir Zeit hatten wieder nach Helipolis zu fahren. Man begrüßte uns mit Namen, bat uns Platz zu nehmen, bot uns Getränke an. Es war wie in einem österreichischen Kostümfilm der fünfziger Jahre, wo der Hofmeister beim Hofschneider und Hofhutmacher ein und ausging. Wir verbrachten den halben Nachmittag damit, Vorhänge für ein halbes Dutzend Fenster auszusuchen.

 

Beeindruckend war der „Herr Ingenieur“, der die Fenster in unserem Haus vermessen hatte. Die Notizen, deren Nachvollziehbarkeit ich angezweifelt hatte, dienten ihm offensichtlich nur als Erinnerungsstütze für sein fotographisches Gedächtnis. Er konnte auch noch eine Woche nach dem Besuch bei uns, jede Zwischenwand einzeichnen und wusste die Farbe jedes Zimmers. Trotz der hohen Professionalität in dem Geschäft war es anstrengend alles einzeln zu bestimmen: den Stoff zum Ausblenden der Sonne, den Unterstoff, den Überstoff, die Raffung usw. Ich hatte mich oft gewundert, womit mitausreisende Ehefrauen im Ausland ihre Zeit verbringen. Jetzt weiß ich, dass das Ausstatten eines Hauses (vor allem wenn man es genießen kann, wie eine Dame bei Hofschneider behandelt zu werden) zu einer Vollzeitbeschäftigung werden kann.

 

Ansonsten haben wir in den letzten zwei Monaten fast unsere gesamte Freizeit mit Haus einrichten verbracht. Keine Besorgung, keine Erledigung in Kairo ist einfach mal nebenbei zu machen. Dass wir 25 km außerhalb wohnen ist noch das geringste Problem. Dass hier alles in unterschiedlichen Stadtteilen liegt, dass der Verkehr in der Innenstadt in der Regel bestenfalls STOP and GO ist, Verkehrsregeln hier unbekannt zu sein scheinen und es keine Parkplätze gibt (man hält also in der zweiten oder dritten Reihe) ist auch nicht einfach. Mein Mann findet es am schlimmsten, dass man hier auf alles warten muss. Damit komme ich (zu meinem eigenen Erstaunen) ganz gut zurecht. Ich finde es dagegen schlicht ineffizient, dass man bei jedem einzelnen Ding herausfinden muss, wo es zu finden ist. Und das ohne gelbe Seiten, ohne Internetseiten und in einer Stadt in der ständig Läden öffnen, schließen, umziehen, wo Straßen (oder auch nur Straßenabschnitte) mehrere Namen haben können, die meisten kein Englisch sprechen, einen aber hilfreich in irgendeine Richtung schicken. Für die Mädchen haben wir auch nach 3 Monaten keine Ballettschuhe (sie sind in Schule nicht die einzigen), auch nach einem Spiegel und Bilderrahmen werden wir noch suchen müssen. Da bekommt das Wort „Beschaffungskosten“ ganz andere Dimensionen.

4.12.07 13:54


Unzuverlässig! ... Unzuverlässig?

Der Büromanager bietet einem Kollegen an, ihm einen Taxifahrer zu besorgen, der ihn jeden Abend nach Hause bringen soll. Es ist ein weiter Weg vom Buero nach Hause und fuer einen Taxifahrer koennte es ein nettes Zusatzeinkommen sein. "Wann rechnest Du damit jemanden zu finden?", frage Klaus. "Vielleicht Morgen," sagt Hamdy.

Die Arabischlehrerin, Hanan, bietet einer Freundin an, ihr ein arabisches Lehrbuch zu besorgen. Zum Unterricht naechste Woche will sie es ihr mitbringen. Dann wird Hanan fuer Petra nicht immer die entsprechenden Seiten kopieren muessen. Die Kosten wollte Petra ihr im Vorfeld erstatten, aber Hanan meint, sie kann sie spaeter ersetzen.

Die Fliessen im Buero wurden schlecht verklebt. Um die restlichen 20 Prozent der vereinbarten Summe zu bekommen, muss etwas nachgebessert werden. Keine große Sache. Die Firma will naechste Woche kommen.

Zwei Wochen spaeter hat Klaus immer noch keinen festen Taxifahrer, Petra kein Lehrbuch und die Luecken zwischen den Fliessen sind so breit, dass man den Beton darunter sehen kann. Dies ist ein selbstverstaendlicher Teil des aegyptischen Lebens. In vielen Buechern ist das aegyptische IBM "Inshallah", "Bokkra", "Malesch" ("so Gott will", "Morgen", "Macht nichts" beschrieben. Auslaender verzweifeln an der "Unverbindlichkeit der Terminvereinbarung" (Petra, interkulturell aufgeschlossene Lehrerin) oder "bodenloser Unzuverlaessigkeit" (Klaus, entnervter Ingenieur). Aber es waere zu kurz gegeriffen, wenn man die Gruende so monokausal interpretieren wuerde.

Hamdy konnte keinen Taxifahrer finden, weil er in einem Stadtteil weit entfernt wohnt. Da sitzt er am Feierabend im Cafe, da kennt er die Taxifahrer. Sie wuerden Klaus wohl abholen und nach Hause fahren, aber nicht fuer den Preis, den er zu zahlen bereit ist. Hamdy sagt Klaus nicht. Er will ihn nicht enttaeuschen und hofft, doch noch eines Tages jemanden zu finden. Hanan hat Petra nicht gesagt, dass es das Lehrbuch nur an einer bestimmten Schule zu kaufen gibt. Im Moment ist es vergriffen. Ab und zu fragt Hanan bei der Sekraeterin nach, wann es wieder erhaeltlich sein wird. Hanan erzaehlt Petra nichts davon. Fuer den Unterricht hat sie ja die Kopien. Es ist ihr nicht bewusst, dass Petra gerne moeglichst bald ein eigenes Buch haette. Sie wuerde gerne blaettern und stoebbern und es wuerde ihr das Gefuehl geben, dass sie ihrem Ziel, diese komplizierte Sprache zu lernen, naeher kommen wuerde.

Petra wartet auf dieses Buch allein schon deswegen, weil es ihr angekuendigt wurde, dass sie es naechste Woche bekommen wuerde. Ob sie es dringend benoetigt oder nicht, ist dabei eher unerheblich. Hanan weis, dass Petra das Buch nicht dringend benoetigt. Sie geht davon aus, dass wenn es Petra dringend haben moechte, wuerde sie sicherlich nachfragen.

Auf der einen Seite ist die Erwartungshaltung, dass Ankuendigungen eingehalten werden. Dies wird gepraegt durch einen kulturellen Rahmen, der eine hohe Verbindlichkeit von Ankuendigungen festlegt. Dies wird z.B. in deutschen Sprichworten deutlich wie "Ein Mann ein Wort" oder Kindersaetzen wie "Was versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen." Wenn etwas dazwischen kommt, dann sagt man moeglichst zeitnah Bescheid. Hamdy und Hanan wollen niemanden enttaeuschen, aber sie wollen vor allem keine unangenehmen Dinge mitteilen. Lieber sagen sie nichts und hoffen auf eine positive Fuegung, hoffen, dass es eines Tages einfach klappen wird.

Wieso kommt aber die Firma nicht, um die Bodenfliessen besser zu vernieten? Sie werden schon kommen, wenn sie eine Luecke in ihrem Zeitplan haben werden. Wann das ist, werden sie im Vornhinein kaum sagen koennen. Viele, vielleicht sogar die meisten kleinen und mittleren Firmen in Aegypten fuehren weder ein Auftragsbuch, das den Begriff wert waere, noch machen sie eine Einsatzplanung. Gemacht wird dementsprechend was ansteht, gearbeitet oft da, wo es am dringendsten erscheint, der Auftrag gerade herein gekommen ist oder schon lange jemand drängelt.

Im Rahmen des deutsch-aegyptischen Wissenschaftsjahres (2007) gab es gerade eine Messe mit vielen begleitenden Veranstaltungen, Vortraegen, Podiumsdiskussionen etc. Insgesamt sechs Minister waren fuer den ersten Tag angesagt. Eine der Podiumsdiskussionen begann mit halbstündiger Verspätung. Man hatte auf einen Minister gewartet, der an der Diskussion teilnehmen sollte. Schliesslich begann man ohne ihn. Der Moderator entschuldigte die Verspaetung. Erst eben haette man erfahren, dass der Minister auf einer Dienstreise sei und daher nicht kommen koenne. Beim international vertretenen Publikum ging nicht einmal mehr ein Raunen durch die Menge. Was aber spaeter ueberraschte war, dass ein Referent. Dieser hatte als einziger seinen Vortrag in der vorgegebenen Zeit mit klarer Struktur gehalten, in hervorragendem Englisch mit amerikanischen Akzent.  Im Anschluss an seine Praesentation verlieh er in deutlichen Worten seiner Veraergerung Ausdruck, dass von den vielen angekuendigten Ministern kein einziger zu den Veranstaltungen erschienen war.

Auch in Deutschland passiert es immer wieder, dass angekuendigte hochrangige Personen im Endeffekt dann doch nicht erscheinen. Als Begruendung dienen in Aegypten allerdings erstaunlich haeufig Auslandsreisen. Es erscheint wie eine Art Ehrenbezeugung fuer die Anwesenden: natuerlich weare er/sie gekommen, wenn ihn/sie nicht etwas wirklich wichtigeres abgehalten haette. Es scheint dabei, als ob etwas "wirklich wichtiges" keine innenpolitische Angelegenheit sein kann.

Dem Moderator, einem aelteren Gentleman, Vertreter eines untergegangenen europaeisch gepraegten Bildungsbuergertums, hatte keiner Bescheid gesagt. Ob es an einer unzureichenden oder unterbrochen Kommunikationskette lag, oder ob dem netten Herrn keiner die unangenehme Nachricht ueberbringen wollte, das sei dahingestellt. Er hatte also gewartet, mehrfach nachgefragt und schliesslich von irgendjemanden die Standardauskunft erhalten, die er dann genauso vor dem Publikum wiederholte. Die anwesenden Aegypter hatten solche und aehnliche Begruendungen sicherlich bereits unendliche Male gehoert und nahmen sie gelassen hin. Die internationalen Besucher waren sich ihrer Stellung als Gaeste offensichtlich bewusst und sagten nichts.

Es ist daher leicht erklaerlich, wieso der einzige, der sich laut aeusserte, ein erfolgreicher Geschaeftsmann war, der im Ausland studiert und lange Jahre in den USA gelebt hatte. Er nahm es nicht hin sondern protestierte gegen etwas, was er als nicht korrekt empfand. Vielleicht war er die einzige Person im Raum, die ihrer Irritation Ausdruck verleihen konnte und als Aegypter auch durfte.

Terminvereinbarungen sind eine Herausforderung in Aegypten. Langfristige Termine werden kaum getroffen, Einladungen zu Messen, Konferenzen, Abendessen kommen bestenfalls eine Woche vorher. Einige Veranstalter verschicken am Tag vor dem Ereignis noch Erinnerungsmails, SMS oder Faxe.

Als eines der grossen Probleme fuer Aegypten sich auf dem Weltmarkt behaupten zu koennen, ist die Liefertreue. Ein grosser Moebelhersteller, der rund um den Erdball produzieren laesst, ist daher in Aegypten nicht vertreten. Tschibo und Strafe (=Gewinneinbusen) bei nicht rechtzeitiger Lieferung.

Ich denke daran, dass unser Container in Alexandria tagelang nicht entladen werden konnte, weil es aussnahmsweise dort mal regnete. Das schwierigste in der ersten Zeit aber war, dass zwar Kühlschrank, Herd und Arbeitsflächen in der Küche waren, aber leider keine Schränke und Regale. Der Vermieter und der Makler versicherten, dass wir in 10 Tagen eine Küche hätten. Nach 10 Tagen kam zumindest jemand zum Ausmessen. Dann wurden wir von Woche zu Woche vertröstet. Vorgestern kam die Küche. Gestern waren die Handwerker immer noch am Anpassen. Dunkles Holz, aufwendig gestaltet, viele Details. Der „Herr Ingenieur“, der sichtbar stolz auf sein Meisterstück war, erzählte uns, dass er, der Vermieter und sein Stellvertreter allein zwei Wochen (!) Design für die Schranktüren diskutiert hätten. Und wieder einmal hatte ich das Gefuehl, man lebt hier nach einer anderen Zeit.

4.12.07 14:11





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