Alltag in Ägypten
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Unzuverlässig! ... Unzuverlässig?

Der Büromanager bietet einem Kollegen an, ihm einen Taxifahrer zu besorgen, der ihn jeden Abend nach Hause bringen soll. Es ist ein weiter Weg vom Buero nach Hause und fuer einen Taxifahrer koennte es ein nettes Zusatzeinkommen sein. "Wann rechnest Du damit jemanden zu finden?", frage Klaus. "Vielleicht Morgen," sagt Hamdy.

Die Arabischlehrerin, Hanan, bietet einer Freundin an, ihr ein arabisches Lehrbuch zu besorgen. Zum Unterricht naechste Woche will sie es ihr mitbringen. Dann wird Hanan fuer Petra nicht immer die entsprechenden Seiten kopieren muessen. Die Kosten wollte Petra ihr im Vorfeld erstatten, aber Hanan meint, sie kann sie spaeter ersetzen.

Die Fliessen im Buero wurden schlecht verklebt. Um die restlichen 20 Prozent der vereinbarten Summe zu bekommen, muss etwas nachgebessert werden. Keine große Sache. Die Firma will naechste Woche kommen.

Zwei Wochen spaeter hat Klaus immer noch keinen festen Taxifahrer, Petra kein Lehrbuch und die Luecken zwischen den Fliessen sind so breit, dass man den Beton darunter sehen kann. Dies ist ein selbstverstaendlicher Teil des aegyptischen Lebens. In vielen Buechern ist das aegyptische IBM "Inshallah", "Bokkra", "Malesch" ("so Gott will", "Morgen", "Macht nichts" beschrieben. Auslaender verzweifeln an der "Unverbindlichkeit der Terminvereinbarung" (Petra, interkulturell aufgeschlossene Lehrerin) oder "bodenloser Unzuverlaessigkeit" (Klaus, entnervter Ingenieur). Aber es waere zu kurz gegeriffen, wenn man die Gruende so monokausal interpretieren wuerde.

Hamdy konnte keinen Taxifahrer finden, weil er in einem Stadtteil weit entfernt wohnt. Da sitzt er am Feierabend im Cafe, da kennt er die Taxifahrer. Sie wuerden Klaus wohl abholen und nach Hause fahren, aber nicht fuer den Preis, den er zu zahlen bereit ist. Hamdy sagt Klaus nicht. Er will ihn nicht enttaeuschen und hofft, doch noch eines Tages jemanden zu finden. Hanan hat Petra nicht gesagt, dass es das Lehrbuch nur an einer bestimmten Schule zu kaufen gibt. Im Moment ist es vergriffen. Ab und zu fragt Hanan bei der Sekraeterin nach, wann es wieder erhaeltlich sein wird. Hanan erzaehlt Petra nichts davon. Fuer den Unterricht hat sie ja die Kopien. Es ist ihr nicht bewusst, dass Petra gerne moeglichst bald ein eigenes Buch haette. Sie wuerde gerne blaettern und stoebbern und es wuerde ihr das Gefuehl geben, dass sie ihrem Ziel, diese komplizierte Sprache zu lernen, naeher kommen wuerde.

Petra wartet auf dieses Buch allein schon deswegen, weil es ihr angekuendigt wurde, dass sie es naechste Woche bekommen wuerde. Ob sie es dringend benoetigt oder nicht, ist dabei eher unerheblich. Hanan weis, dass Petra das Buch nicht dringend benoetigt. Sie geht davon aus, dass wenn es Petra dringend haben moechte, wuerde sie sicherlich nachfragen.

Auf der einen Seite ist die Erwartungshaltung, dass Ankuendigungen eingehalten werden. Dies wird gepraegt durch einen kulturellen Rahmen, der eine hohe Verbindlichkeit von Ankuendigungen festlegt. Dies wird z.B. in deutschen Sprichworten deutlich wie "Ein Mann ein Wort" oder Kindersaetzen wie "Was versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen." Wenn etwas dazwischen kommt, dann sagt man moeglichst zeitnah Bescheid. Hamdy und Hanan wollen niemanden enttaeuschen, aber sie wollen vor allem keine unangenehmen Dinge mitteilen. Lieber sagen sie nichts und hoffen auf eine positive Fuegung, hoffen, dass es eines Tages einfach klappen wird.

Wieso kommt aber die Firma nicht, um die Bodenfliessen besser zu vernieten? Sie werden schon kommen, wenn sie eine Luecke in ihrem Zeitplan haben werden. Wann das ist, werden sie im Vornhinein kaum sagen koennen. Viele, vielleicht sogar die meisten kleinen und mittleren Firmen in Aegypten fuehren weder ein Auftragsbuch, das den Begriff wert waere, noch machen sie eine Einsatzplanung. Gemacht wird dementsprechend was ansteht, gearbeitet oft da, wo es am dringendsten erscheint, der Auftrag gerade herein gekommen ist oder schon lange jemand drängelt.

Im Rahmen des deutsch-aegyptischen Wissenschaftsjahres (2007) gab es gerade eine Messe mit vielen begleitenden Veranstaltungen, Vortraegen, Podiumsdiskussionen etc. Insgesamt sechs Minister waren fuer den ersten Tag angesagt. Eine der Podiumsdiskussionen begann mit halbstündiger Verspätung. Man hatte auf einen Minister gewartet, der an der Diskussion teilnehmen sollte. Schliesslich begann man ohne ihn. Der Moderator entschuldigte die Verspaetung. Erst eben haette man erfahren, dass der Minister auf einer Dienstreise sei und daher nicht kommen koenne. Beim international vertretenen Publikum ging nicht einmal mehr ein Raunen durch die Menge. Was aber spaeter ueberraschte war, dass ein Referent. Dieser hatte als einziger seinen Vortrag in der vorgegebenen Zeit mit klarer Struktur gehalten, in hervorragendem Englisch mit amerikanischen Akzent.  Im Anschluss an seine Praesentation verlieh er in deutlichen Worten seiner Veraergerung Ausdruck, dass von den vielen angekuendigten Ministern kein einziger zu den Veranstaltungen erschienen war.

Auch in Deutschland passiert es immer wieder, dass angekuendigte hochrangige Personen im Endeffekt dann doch nicht erscheinen. Als Begruendung dienen in Aegypten allerdings erstaunlich haeufig Auslandsreisen. Es erscheint wie eine Art Ehrenbezeugung fuer die Anwesenden: natuerlich weare er/sie gekommen, wenn ihn/sie nicht etwas wirklich wichtigeres abgehalten haette. Es scheint dabei, als ob etwas "wirklich wichtiges" keine innenpolitische Angelegenheit sein kann.

Dem Moderator, einem aelteren Gentleman, Vertreter eines untergegangenen europaeisch gepraegten Bildungsbuergertums, hatte keiner Bescheid gesagt. Ob es an einer unzureichenden oder unterbrochen Kommunikationskette lag, oder ob dem netten Herrn keiner die unangenehme Nachricht ueberbringen wollte, das sei dahingestellt. Er hatte also gewartet, mehrfach nachgefragt und schliesslich von irgendjemanden die Standardauskunft erhalten, die er dann genauso vor dem Publikum wiederholte. Die anwesenden Aegypter hatten solche und aehnliche Begruendungen sicherlich bereits unendliche Male gehoert und nahmen sie gelassen hin. Die internationalen Besucher waren sich ihrer Stellung als Gaeste offensichtlich bewusst und sagten nichts.

Es ist daher leicht erklaerlich, wieso der einzige, der sich laut aeusserte, ein erfolgreicher Geschaeftsmann war, der im Ausland studiert und lange Jahre in den USA gelebt hatte. Er nahm es nicht hin sondern protestierte gegen etwas, was er als nicht korrekt empfand. Vielleicht war er die einzige Person im Raum, die ihrer Irritation Ausdruck verleihen konnte und als Aegypter auch durfte.

Terminvereinbarungen sind eine Herausforderung in Aegypten. Langfristige Termine werden kaum getroffen, Einladungen zu Messen, Konferenzen, Abendessen kommen bestenfalls eine Woche vorher. Einige Veranstalter verschicken am Tag vor dem Ereignis noch Erinnerungsmails, SMS oder Faxe.

Als eines der grossen Probleme fuer Aegypten sich auf dem Weltmarkt behaupten zu koennen, ist die Liefertreue. Ein grosser Moebelhersteller, der rund um den Erdball produzieren laesst, ist daher in Aegypten nicht vertreten. Tschibo und Strafe (=Gewinneinbusen) bei nicht rechtzeitiger Lieferung.

Ich denke daran, dass unser Container in Alexandria tagelang nicht entladen werden konnte, weil es aussnahmsweise dort mal regnete. Das schwierigste in der ersten Zeit aber war, dass zwar Kühlschrank, Herd und Arbeitsflächen in der Küche waren, aber leider keine Schränke und Regale. Der Vermieter und der Makler versicherten, dass wir in 10 Tagen eine Küche hätten. Nach 10 Tagen kam zumindest jemand zum Ausmessen. Dann wurden wir von Woche zu Woche vertröstet. Vorgestern kam die Küche. Gestern waren die Handwerker immer noch am Anpassen. Dunkles Holz, aufwendig gestaltet, viele Details. Der „Herr Ingenieur“, der sichtbar stolz auf sein Meisterstück war, erzählte uns, dass er, der Vermieter und sein Stellvertreter allein zwei Wochen (!) Design für die Schranktüren diskutiert hätten. Und wieder einmal hatte ich das Gefuehl, man lebt hier nach einer anderen Zeit.

4.12.07 14:11
 



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