Alltag in Ägypten
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Wohnen

Erste Eindruecke

Wie auch die Wohnungen haben die Häuser riesige „reception areas“ möglichst repräsentativ, viel Marmor, geschwungenes Schmiedeeisen, pseudogriechische Schmuckssäulen usw. Man zeigt gerne, was man hat. Die Schlafzimmer sind eher klein, vor allem Zimmer zum Schlafen und Umziehen, selten mehr als drei. Die großen Flächen sind sicherlich sehr praktisch, wenn sich Familie oder Freunde treffen. Außer bei den ganz Armen und den ganz Reichen sind zwei Kinder die Regel. Die werden dann gemeinsam in ein Schlafzimmer gepackt. Besuch, der über Nacht bleibt, scheint wohl eher selten. Es wohnen eh alle in Kairo und können abends nach Hause fahren.

 

In den Kinderzimmern stehen ab und zu Schreibtische, die Hausaufgaben werden aber häufig am Esstisch gemacht. Rückzugsraum ist kaum vorgesehen. Man bleibt zusammen häufig bis zum späten Abend. Die Lehrer der deutschen Schule beschweren sich über übernächtigte, unkonzentrierte und lethargische Schüler.

 

Die reception areas werden mit vielen Teppichen, Sofas, Sesseln und Beistelltischen ausgefüllt. Im besten Fall ist das Ergebnis vergleichbar mit einer elegant ausgestalteten Hotelhalle. „ Gemütlichkeit“ (eh ein sehr deutsches Wort, für das es in vielen Sprachen kein Äquivalent gibt) ist offensichtlich nicht das angestrebte Ziel.

 

Es gibt auch schöne alte Villen, erbaut von Expats im letzten Jahrhundert. Allerdings sind diese eher in den „traditionellen“ Stadteilen mit Namen wie Maadi, Dokki oder auf der Nilinsel Zamalek zu finden. In der Wüste entstanden in den letzten Jahren zehntausende von neuen Häusern, oft  mehrstöckig aber auch vereinzelte Einfamilienhäuser. Allerdings sind die meisten noch unbewohnt und in unterschiedlichem Stadium der Fertigstellung

 

Wir wohnen also am Rande der Wüste, in einer Straße ohne Namen, in der vielleicht noch drei andere Häuser bewohnt sind. Der Rest ist Baustelle, wobei an den meisten Rohbauten nur sporadisch gebaut wird. Ganz anders als in Deutschland, wo zumindest die Eigentümer versuchen, ein Bauprojekt möglichst schnell voran zu treiben, wird hier immer wieder in Phasen gebaut. Dies ist zum einen vermutlich finanziellen Limits geschuldet, aber auch der Zeit und Energie, die man für das „vorantreiben“ braucht. Ein Kollege sagte mir allerdings auch, dass viele seiner Freunde hier in Katameya bauen. Aber, meinte er, Ägypter wohnen ungern alleine. Alles wartet, dass die Freunde umziehen, und da alle darauf warten, dass die anderen umziehen werden, werden wir vermutlich noch Jahre alleine hier leben.

 

Wobei alleine sind wir hier eigentlich nicht wirklich. Die Arbeiter leben in der Regel auf den Baustellen, manchmal mit Frau und Kindern. Mit der Zeit lernt man zwischen den aufgetürmten Ziegelsteinen zu unterscheiden und merkt, dass in der Straße hinter uns, in einem gemauerten Kubus mit Öffnung ein kleiner Laden ist. Dass etwas weiter die Straße hinunter in einem Brettverschlag sich wohl eine Art Dusche befindet. Und dass in dem großen Rohbau an der Ecke (bisher nur Stützpfeiler und Decken) in der Mitte eine Hütte ist, zwei alte Männer wohnen, die morgens davor Tee trinken. Das große Bett mit vielen Decken kann man durch die Tür sehen, wie auch den Fernseher, der immer läuft. Im Januar und Februar war es hier nachts ziemlich kalt. In jeder Straße sah man ein Lagerfeuer, an dem sich einige Männer und Kinder wärmten.

 

Das Haus, das wir schließlich gemietet haben, gehört einem Manager, der das regionale Büro eines amerikanischen Unternehmens für Erdölbohrer leitet. Ein sehr energetischer, etwas amerikanisch wirkender Ägypter. Er hat das Haus für sich und seine Familie bauen lassen. Es wurde sehr nach seinen individuellen Wünschen gestaltet. Der Hausbesitzer ist schließlich nicht umgezogen, obwohl sein Büro nur eine Straße weiter liegt. Vermutlich wartet auch er darauf, dass seine Freunde und Bekannten umziehen.

 

Der Start im neuen Haus war nicht einfach. Zum einen mussten einige Sachen nachgearbeitet werden. Es war für uns schwer nachvollziehbar, wie man sich ein Haus hinstellen lassen kann, dass prachtvoll wirken soll und das auf der anderen Seite so viele handwerkliche Mängel hat. Das ganze wird verständlicher, wenn man weiß, dass das Bauhandwerk hier keine Tradition hat, handwerkliche Ausbildung, wie wir sie in Deutschland kennen, nur in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit stattfindet und die meisten Handwerker irgendwann irgendwo angelernt worden sind. Aber zu Beginn konnten wir es nicht fassen, wieso die aufwendig geschnitzte und von zwei mächtigen Säulen umrahmte Haustür keine ordentliche Klinke hatte, es durch den Glasdom reinregnete, Türen so aufgehängt waren, dass man sie nicht schließen konnte usw. usw.

 

Das Haus benötigte ungefähr 30 Lampen, einige Teppiche, viele Gardinen, wir hatten kein Sofa mitgebracht und unsere Möbel wirkten verloren in den hohen Räumen. Mit Marks SAS-Taktik (in and out without being seen) bräuchten wir in Deutschland drei Tage um ALLES zu besorgen. Aber ohne Baumark, Kaufhaus, Möbelhaus ... wir wussten gar nicht, wo wir beginnen sollten. Möbel lässt man sich hier bauen, für viele Dinge, z.B. Lampen oder Stoffe, gibt es ganze Straßenzüge wo sich ein kleiner Laden an den nächsten reiht.

 

Wenn man einen dieser „Lampenläden“ betritt, werden als erstes alle Lampen eingeschaltet. Dies führt innerhalb von Minuten zum Gefühl in einem Solarium zu stehen. Die Auswahl ist begrenzt, zwischen Lampen aus Südostasien (modern, viel Plastik, oft billig aussehender Standard) und einheimischer Produktion (Messing und Schwünge, aufwendige Kronleuchter). Gemeinsam ist, alle Lampen vertragen nur Glühbirnen bis max 60 Watt. Bei den hohen Räumen hier erscheint das Licht daher immer sehr gedämpft.

 

Mehr als zwei, drei passende Lampen sind in einem Laden nicht zu finden. Wenn man dann gewählt hat, wird jemand losgeschickt, um die Lampen aus irgendeinem Lager zu holen. Nachdem diese nach vielleicht 15 Minuten da sind, erfolgt die Qualitätskontrolle. Jedes Paket wird geöffnet und auf Vollständigkeit und Unversehrtheit überprüft. Dann wird alles wieder verpackt. Der Ladenbesitzer hat zum Glück inzwischen die Lichter ausgeschaltet. Die Luft kann man dennoch schneiden.

 

Dann war es schwer, eine drei Meter hohe Stehleiter zu finden. Wir fragten an verschiedenen Stellen und Mark entdeckte zufällig eine lange Leiter in einem kleinen Laden hier in der Gegend. Als er sie zu Hause aufstellen wollte, bemerkte er, dass die Querverstrebungen fehlten. Wir wissen immer noch nicht, ob dies hier so üblich ist oder ob genau bei der ein Teil der Fertigung vergessen wurde

 

Die nächste Herausforderung waren die Vorhänge, für uns ganz neues Terrain nach den bescheidenen Behängen, die wir direkt an unsere Fenster in der Mühlstrasse gehängt haben. Hier würden wir mächtig viel Stoffbahnen brauchen. Am günstigsten wäre selbst ausmessen, zuschneiden und vernähen lassen und dann die Aufhängung selbst anbringen. Mark war schon an der Aufhängung der Lampen verzweifelt, weil er ständig auf eine der in Beton gelegten Metallverstrebungen geriet.

 

Eher zufällig landeten wir in einem professionellen Gardinengeschäft in Heliopolis. Ich konnte mich dunkel erinnern, dass ich als Teenager mal mit meiner Mutter in einem solchen Laden war. Dieser hier war überwältigend, sechs große hohe Räume voller kostbar aussehender Stoffbahnen. Wir sagten, was wir brauchen würde. Kein Problem, sagte man uns, Morgen kommt als erstes jemand zum Vermessen. Dann müssten wir wieder kommen und die Stoffe aussuchen. Warum könnten wir die Stoffe nicht gleich aussuchen, fragten wir? Die Antwort war, dass nicht alle Stoffe die richtigen Maße haben würden. Na gut, dachten wir uns, wir werden diese Reihenfolge kaum ändern können und wenn es nicht klappt, dann müssen wir uns etwas anderes überlegen.

 

Zu unserer großen Überraschung standen pünktlich zum verabredeten Termin zwei Herren vor der Tür. Alle Fenster wurden schnell und sehr systematisch vermessen. Die Notizen erschienen mir allerdings arg einfach in ein Heft gekritzelt. Es dauerte dann bis zum nächsten Wochenende, bis wir Zeit hatten wieder nach Helipolis zu fahren. Man begrüßte uns mit Namen, bat uns Platz zu nehmen, bot uns Getränke an. Es war wie in einem österreichischen Kostümfilm der fünfziger Jahre, wo der Hofmeister beim Hofschneider und Hofhutmacher ein und ausging. Wir verbrachten den halben Nachmittag damit, Vorhänge für ein halbes Dutzend Fenster auszusuchen.

 

Beeindruckend war der „Herr Ingenieur“, der die Fenster in unserem Haus vermessen hatte. Die Notizen, deren Nachvollziehbarkeit ich angezweifelt hatte, dienten ihm offensichtlich nur als Erinnerungsstütze für sein fotographisches Gedächtnis. Er konnte auch noch eine Woche nach dem Besuch bei uns, jede Zwischenwand einzeichnen und wusste die Farbe jedes Zimmers. Trotz der hohen Professionalität in dem Geschäft war es anstrengend alles einzeln zu bestimmen: den Stoff zum Ausblenden der Sonne, den Unterstoff, den Überstoff, die Raffung usw. Ich hatte mich oft gewundert, womit mitausreisende Ehefrauen im Ausland ihre Zeit verbringen. Jetzt weiß ich, dass das Ausstatten eines Hauses (vor allem wenn man es genießen kann, wie eine Dame bei Hofschneider behandelt zu werden) zu einer Vollzeitbeschäftigung werden kann.

 

Ansonsten haben wir in den letzten zwei Monaten fast unsere gesamte Freizeit mit Haus einrichten verbracht. Keine Besorgung, keine Erledigung in Kairo ist einfach mal nebenbei zu machen. Dass wir 25 km außerhalb wohnen ist noch das geringste Problem. Dass hier alles in unterschiedlichen Stadtteilen liegt, dass der Verkehr in der Innenstadt in der Regel bestenfalls STOP and GO ist, Verkehrsregeln hier unbekannt zu sein scheinen und es keine Parkplätze gibt (man hält also in der zweiten oder dritten Reihe) ist auch nicht einfach. Mein Mann findet es am schlimmsten, dass man hier auf alles warten muss. Damit komme ich (zu meinem eigenen Erstaunen) ganz gut zurecht. Ich finde es dagegen schlicht ineffizient, dass man bei jedem einzelnen Ding herausfinden muss, wo es zu finden ist. Und das ohne gelbe Seiten, ohne Internetseiten und in einer Stadt in der ständig Läden öffnen, schließen, umziehen, wo Straßen (oder auch nur Straßenabschnitte) mehrere Namen haben können, die meisten kein Englisch sprechen, einen aber hilfreich in irgendeine Richtung schicken. Für die Mädchen haben wir auch nach 3 Monaten keine Ballettschuhe (sie sind in Schule nicht die einzigen), auch nach einem Spiegel und Bilderrahmen werden wir noch suchen müssen. Da bekommt das Wort „Beschaffungskosten“ ganz andere Dimensionen.

4.12.07 13:54





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